Sein Kampf – ein Ex-Neonazi aus Dresden packt aus

Dieser Artikel von Junes Semmoudi und Felix Franke ist zuerst am 9. August 2021 auf www.ostsee-zeitung.de/ erschienen.

Über zehn Jahre lang war Martin* aus Dresden Neonazi. Er verehrte Hitler und träumte vom nationalsozialistischen Umsturz. Doch ihm gelang der Ausstieg. Heute klärt er an Schulen über die rechtsextreme Szene auf. Nun hat er über seine Geschichte gesprochen.

Etwa ein Dutzend Neonazis sitzen in ihrem Hauptquartier zusammen. Es ist ein unscheinbarer Raum in einem Prohliser Gewerbegebäude, direkt neben einer Fahrschule. Die Rechtsextremisten diskutieren über den Tag X – den Tag der großen Revolution. Irgendwann wird er kommen, davon sind alle im Raum überzeugt. Irgendwann wird Deutschland wieder nationalsozialistisch sein.

„Aber wenn es so weit ist – wie sollen unsere politischen Feinde sterben?“, fragt ein Anwesender. Er meint Juden, Linke, Migranten. Weil Waffenarsenale zu teuer sind, fällt die Wahl auf Stricke. „Die kannst du im Baumarkt kaufen, die kosten nichts und du kannst sie mehrmals verwenden”, bilanziert ein Neonazi.
„Und was passiert mit unseren Eltern, wenn sie gegen uns sind?”, fragt ein junger Rechtsextremist in die Runde. „Auch die müssen sterben“, antwortet ein Älterer. Anstatt sie aufzuhängen, könne er ihnen aber eine Kugel in den Kopf jagen. Kurz und schmerzlos.

Nachhilfe mit Wehrmachtslektüre

Martin* erinnert sich an dieses Neonazi-Treffen im Februar 2012, als hätte es gestern stattgefunden. Der heute 33-Jährige saß damals im Raum, als seine einstigen Kameraden mit erschreckender Bestimmtheit über die Exekution von Millionen Menschen debattierten.
Letztlich gipfelte das Treffen im Bruch mit seinem früheren Leben.
Über zehn Jahre lang war Martin Teil der rechtsextremen Szene in Dresden. Er verehrte Hitler, sammelte Hakenkreuzflaggen und leugnete den Holocaust. Dann gelang ihm der Ausstieg. Heute leistet er Präventionsarbeit an Schulen: Im Rahmen des Aussteigerprojekts „ad acta“ klärt der Ex-Nazi über die Gefahren des Rechtsextremismus auf. Wie gelang ihm
diese Kehrtwende?
Zum ersten Mal kam Martin 1997 mit der rechten Ideologie in Kontakt, da war er gerade neun Jahre alt. Weil er Schwierigkeiten in der Schule hatte, nahm er Unterricht beim Bruder eines Klassenkameraden. Als Übungslektüre nutzte der rechtsgesinnte Nachhilfelehrer das handschriftliche Tagebuch eines Wehrmachtssoldaten. „Damit habe ich damals Lesen und Schreiben gelernt“, sagt Martin.

“fressbare Ideologie”

Auf dieser Basis wuchs sein Interesse am Nationalsozialismus. Mit 13 Jahren besuchte Martin die erste Neonazidemo, als Jugendlicher schloss er sich dann bewusst der Szene an. Zwischen 2006 und 2012 nahm er beinahe jedes Wochenende an rechtsextremen Demonstrationen,
Trauermärschen oder Mahnwachen teil. „Ich war fasziniert von der Stärke, die Nazi-Gruppen ausstrahlten“, sagt Martin. Mit den nach außen hin zelebrierten Werten wie Disziplin, Ehre und Stolz konnte er sich von Anfang an gut identifizieren.
Auch vor Gewalt und Provokation schreckte Martin in dieser Zeit nicht zurück. Immer wieder zog er mit Gleichgesinnten ins linke Szeneviertel Neustadt. „Einmal haben wir am Albertplatz laut Rechtsrock gehört“, erinnert sich Martin. Plötzlich flogen Flaschen, Linke stürmten von
hinten heran, prügelten auf die Neonazis ein.
Eingeschüchtert haben ihn die regelmäßigen Schlägereien mit dem politischen Gegner aber nicht – im Gegenteil: Sie stärkten sein Weltbild und ließen ihn vom nationalsozialistischen Umsturz träumen. Zusammen mit einigen Weggefährten schloss sich Martin 2008 dem „Netzwerk Mitte” an, einem lokalen Neonazi-Verbund. Der Auftrag der mittlerweile aufgelösten Organisation bestand darin, die NS-Ideologie für die Gesellschaft „fressbar zu machen“, sagt Martin.

„Zu viele Feinde“

Dafür rekrutierten die Extremisten Jugendliche direkt an Schulen. Das sei nie aufgefallen – und „ist auch heute noch ohne Probleme möglich.“ Einen Teil der Angeworbenen bildete das Netzwerk zu Führungskräften aus, um in jedem Dresdner Stadtteil kleine Nazi-Zirkel zu gründen. Die Ideologie sollte in den Alltag und somit in die Köpfe der dortigen Bewohner
übergehen – mit Putzaktionen oder dem Verteilen von Flugblättern gaben sich die lokalen Neonazis möglichst bürgernah.
Aus Martins Sicht war die Strategie erfolgreich: Nicht nur in Dresden. Unter anderem auch in Radeberg und Freiberg konnte seine Nazi-Truppe derartige Strukturen etablieren. Und das anscheinend unterm Radar des Sächsischen Verfassungsschutzes: Den Geheimdienstlern ist das „Netzwerk Mitte“ zwar ein Begriff, gegenüber den DNN sprechen sie aber lediglich von
einer rechtsextremen Internet-Plattform.
Es lief also alles nach Plan, für das Netzwerk und für Martin. Beinahe schien es so, als hätte er seine Bestimmung gefunden. Doch dann kam jener besagte Tag im Februar 2012, die schockierende Diskussion mit seinen Kameraden im Hauptquartier. „Wir hatten uns vorher nie so intensiv über die Exekution unserer Feinde ausgetauscht“, sagt er. Ihm sei zwar klar
gewesen, dass eine Revolution Opfer fordere. „Aber wenn ich jeden umlege, der gegen mich ist, dann ist keiner mehr da. Wir hatten zu viele Feinde.”

Auf der Suche

Die grausamen Gewaltfantasien seiner Weggefährten hatten Martins Weltbild in seinen Grundfesten erschüttert. Immer stärker zweifelte er in den folgenden Wochen daran, dass er auf der richtigen Seite stand. Im August 2012 setzte er schließlich ein erstes Zeichen: Der Neonazi fuhr an die Elbe und verbrannte im Affekt alles, was ihm im letzten Jahrzehnt etwas bedeutet hatte. Rechtsrock-CDs, Szeneklamotten, Wehrmachtsposter. „Ich war mir zu diesem Zeitpunkt schon sicher, dass ich aussteigen will”, sagt er. Aber die eigentliche Arbeit begann erst danach.

Der Szene entkommen

Seit rund zehn Jahren berät das „Aussteigerprogramm Sachsen“ Extremisten, die ihren jeweiligen Szenen den Rücken kehren wollen:
Nicht nur Rechtsextremisten, unter anderem bekommen auch Islamisten, Reichsbürger und Linksextremisten Hilfe.
Das Programm richtet sich ebenfalls an Angehörige und Freunde, um deren Leidensdruck zu reduzieren.
Ausstiegs-Prozesse dauern oft mehrere Jahre, ideologische und biographische Arbeit sowie soziale Stabilisierung stehen im Fokus.
Momentan wollen 17 Rechtsextremisten aussteigen, seit Beginn des Programms konnten insgesamt zehn erfolgreich in ein neues Leben starten.
Auch einen Linksextremisten und 14 Islamisten konnte die Organisation auf ihrem Weg unterstützen.

Martin musste sich jemandem anvertrauen, er brauchte Hilfe. Über einen Bekannten knüpfte er Kontakt zum Ausstiegshelfer Michael Ankele, der im Rahmen seines Projekts „ad acta” bis heute über 100 Neonazis den Weg aus dem braunen Sumpf gewiesen hat. „Aussteiger aus der rechtsextremen Szene haben oftmals keine Perspektive”, erklärt Ankele. „Sie sind überfordert und brauchen jemanden, der sie als Menschen respektiert, obwohl ihre Ideologie verachtenswert ist.“
Beim ersten Treffen der beiden im Dezember 2012 am Blauen Wunder war Martin psychisch am Boden: Er litt an Depressionen, schlief und aß tagelang kaum. „Eine zerrissene Seele“, erinnert sich Michael Ankele. „Noch ein halbes Jahr länger ohne Hilfe und er hätte womöglich Suizid begangen. Ich habe gemerkt, dass er auf der Suche war“, sagt der ausgebildete Sozialpädagoge. Auf der Suche nach einem neuen Leben.

Authentische Präventionsarbeit

Auf Anraten von Ankele brach Martin jeglichen Kontakt zu seinen Kameraden ab. Er zog aufs Land, um sich vor seinen ehemaligen Freunden zu schützen. „Danach musste ich die tief verwurzelte Ideologie aus meinem Kopf kratzen.“ Das sei der schwerste Schritt gewesen und habe Jahre gedauert. Ein Weltbild lässt sich nicht so einfach auslöschen, wenn das Herz
einmal dafür gebrannt hat.
„Wer aussteigen will, muss sich seiner Vergangenheit und seinen Fehlern stellen“, sagt der Ex-Neonazi. So habe er sich in der Neuen Synagoge Dresden für den Holocaust entschuldigt
und möchte das Gleiche im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz tun. Seit 2013 spricht er zudem im Rahmen von „ad acta“ regelmäßig vor Schulklassen über seine rechtsextremen Jahre. Die Reaktionen der Jugendlichen auf seine Arbeit seien durchweg positiv, sagt Martin.
Mittlerweile hat er schon rund 300 Schulveranstaltungen begleitet. „Es ist wichtig, authentische Prävention zu betreiben“, betont Projektleiter Michael Ankele. Und zwar dort, wo auch Rechtsextreme ihren Nachwuchs rekrutieren: an Schulen, in Sportvereinen oder bei der Jugendfeuerwehr.

Ernstzunehmende Gefahr

„Heute schäme ich mich zutiefst für meine damaligen Taten“, sagt Martin, der sich nunmehr als Liberal-Konservativer einschätzt. Auch wenn seine Zeit als aktiver Extremist einige Jahre zurückliegt, beschäftigt er sich immer noch intensiv mit dem rechten Milieu in Sachsen.

Die aktuellen Tendenzen sieht er mit Sorge: Während etwa die NPD an Bedeutung verliert, sind neurechte Kräfte wie die AfD oder die Identitäre Bewegung auf dem Vormarsch.
„Altrechte wollen das Grundgesetz abschaffen, Neurechte machen es für sich nutzbar, um ihre Ideologie zu verbreiten“, weiß Martin. Diese Strategie sei intelligenter und funktioniere leider auch sehr gut. „So wird fremdenfeindliches Gedankengut massentauglich, und das ist eine
ernstzunehmende Gefahr.“

Der Rechtsextremismus bleibe wegen der „Entwicklung seines Personenpotenzials“ die größte Bedrohung in Sachsen, machte auch Innenminister Roland Wöller (CDU) im November 2020 deutlich. Dem Verfassungsschutz waren 2019 im Freistaat über 3000 Rechtsextreme bekannt, darunter 2000 gewaltbereite Neonazis.
Und ihre Zahl könnte weiter steigen – zuletzt beobachtete der Geheimdienst eine innerdeutsche Migration von Neonazis in den Freistaat. Einer der Hauptgründe für den Umzug sei eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber Rechtsradikalen, die in Teilen der sächsischen Bevölkerung vorherrsche. Auch Martin kennt das Phänomen: „Es ist relativ einfach, NS-Strukturen professionell aufzubauen“, sagt er. Aber so einfach wie in Sachsen sei
es nirgends.

*Name von Redaktion geändert