Stellungnahme zu Presseartikel: Behörde sieht Aussteiger als Präventionshelfer kritisch
Die Broschüre 2026 des Demokratiezentrums Rheinland-Pfalz auf die sich das rheinland-pfälzische Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung bezieht benennt reale Probleme, zieht daraus aber zu pauschale und zu weitreichende Schlussfolgerungen.
Presseartikel: Behörde sieht Aussteiger als Präventionshelfer kritisch
Quelle: dpa Rheinland-Pfalz/Saarland vom 19.02.2026 14:16 Der Anbieter hat diese Meldung redaktionell nicht bearbeitet. Sie wurde von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) übernommen.
Die Einbindung von Ex-Neonazis in die Präventionsarbeit bringt nichts, sagt das rheinland-pfälzische Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung – und hält verpflichtende Schulveranstaltungen dieser Art sogar für kontraproduktiv.
Das Demokratiezentrum Rheinland-Pfalz steht dem Einsatz von ehemaligen Rechtsextremen in der Präventionsarbeit kritisch gegenüber. Gespräche zweier Wissenschaftler mit pädagogischen Fachkräften sowie Schülerinnen und Schülern im Rahmen einer Studie hätten keinerlei Hinweise dafür ergeben, dass die Einbindung früher einmal rechtsextremer Personen rechte Einstellungen und Gewalt reduziere, teilte das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung in Mainz mit, in dem das Zentrum angesiedelt ist.
Gefahr der Traumatisierung oder Retraumatisierung
Stattdessen könnten detaillierte, anekdotische Erfahrungsberichte aus der Szene bei jungen Menschen sogar Ängste hervorrufen. Von Diskriminierung und Gewalt schon einmal betroffene Jugendliche könnten traumatisiert oder retraumatisiert werden, hieß es weiter. Angesichts dessen solle der bisher gängige Einsatz von Aussteigern vermehrt hinterfragt werden, sagte Landesamtspräsidentin Heike Gorißen-Syrbe.
Die Behörde, die auch eine Broschüre für Fachkräfte zu dem Thema herausgegeben hat, spricht sich explizit gegen eine verpflichtende Teilnahme an Veranstaltungen mit Aussteigerinnen und Aussteigern in Schulen aus. Eine nachhaltige Prävention könne nur gelingen, wenn die kritische Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus oder anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit regelmäßiger Bestandteil der Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen sei.
© dpa-infocom, dpa:260219-930-708651/1
Stellungnahme zur Broschüre 2026 des Demokratiezentrums Rheinland-Pfalz und des darauf basierenden Presseartikels
Berechtigte Kritik an schlechten Formaten rechtfertigt keine pauschale Abwertung eines ganzen Feldes.
Die Broschüre 2026 des Demokratiezentrums Rheinland-Pfalz benennt Risiken, die man ernst nehmen muss: Pflichtformate, fehlende pädagogische Einbettung, Überforderung einzelner Schülerinnen und Schüler sowie mangelhafte Vor- und Nachbereitung. In diesen Punkten ist Kritik richtig und notwendig. Prävention gegen Rechtsextremismus ist kein Showprogramm und keine Einmalmaßnahme. Sie muss eingebettet, verantwortungsvoll und schülerorientiert sein. Das wird im Kern auch in der Broschüre selbst betont.
Was wir jedoch entschieden zurückweisen, ist die pauschale Botschaft, der Einsatz ehemaliger Rechtsextremer in der Präventionsarbeit „bringe nichts“. Diese Zuspitzung ist so nicht sauber gedeckt. Denn dieselbe Broschüre 2026 sagt ausdrücklich, dass es keine pauschale Antwort gebe und dass immer Zielstellung, Zielgruppe und Setting entscheidend seien. Wer das selbst so formuliert, sollte nicht gleichzeitig den Eindruck erwecken, ein ganzes Formatfeld lasse sich mit einem pauschalen Negativurteil abräumen. Genau hier verliert die Broschüre an Glaubwürdigkeit.
Hinzu kommt ein zweiter Punkt: Die Broschüre 2026 ist keine neutrale Außensicht. Sie erscheint als Publikation des Demokratiezentrums Rheinland-Pfalz beziehungsweise des Landesamts für Soziales, Jugend und Versorgung. Im Impressum steht zudem ausdrücklich, dass Exkurse und Gliederungspunkt 5 vom Demokratiezentrum selbst stammen. Gerade dort werden dann die eigenen Alternativangebote des Hauses vorgestellt. Das ist legitim. Aber dann sollte auch offen benannt werden, dass hier keine unabhängige Instanz über das gesamte Feld spricht, sondern eine Institution, die zugleich eigene Angebote vertritt und präsentiert.
Auch wissenschaftlich bleibt die Broschüre hinter ihrem starken Ton zurück. Sie erklärt selbst, dass sie auf die eigene wissenschaftliche Auseinandersetzung der Autorinnen seit 2016, auf eigene Untersuchungen, Analysen und die Beobachtung des Praxisdiskurses zurückgreift. Das macht die Broschüre fachlich informiert. Es macht sie aber nicht automatisch zu einer unabhängigen Letztbewertung. Wer in hohem Maß auf den eigenen Forschungs- und Deutungsstrang setzt, sollte mit pauschalen Urteilen besonders vorsichtig sein. Genau diese Vorsicht fehlt an entscheidenden Stellen.
Besonders auffällig ist der Vergleich mit der früheren Broschüre von 2019 (Schulbasierte Präventionsmaßnahmen von Aussteigern aus der rechtsextremen Szene Informationsbroschüre für Akteure der Bildungsarbeit). Dort formulieren dieselben Autorinnen deutlich zurückhaltender. Der Forschungsstand wird als sehr begrenzt beschrieben, belastbare Aussagen zur Wirkung seien bislang kaum möglich, und Maßnahmen sollten wohlüberlegt eingesetzt werden. Im Vorwort heißt es sogar ausdrücklich, der Einsatz von Aussteigern an Schulen könne ein sinnvoller Ansatz sein. 2026 klingt das deutlich schärfer und grundsätzlicher. Diese Verschiebung ist keine Kleinigkeit. Sie zeigt, dass hier nicht einfach nur nüchtern zusammengefasst wird, sondern dass die Deutung des Feldes erkennbar zugespitzt worden ist.
Unser Eindruck ist deshalb klar:
Die Broschüre 2026 benennt reale Probleme, zieht daraus aber zu pauschale und zu weitreichende Schlussfolgerungen. Sie ist eine Stimme in der Debatte, aber keine neutrale Letztbewertung des gesamten Feldes.
Worin wir zustimmen
Pflichtformate sind kritisch.
Prävention braucht pädagogische Einbettung.
Vulnerable Schülerinnen und Schüler müssen besonders geschützt werden.
Kurzfeedbacks und Reichweitenzahlen sind kein Wirkungsnachweis.
Worin wir widersprechen
Wir widersprechen der pauschalen Botschaft, solche Formate „brächten nichts“.
Wir widersprechen dem Eindruck, die Broschüre 2026 sei eine unabhängige Außensicht.
Wir widersprechen der Überdehnung einer begrenzten und gemischten Erkenntnisbasis zu einem nahezu abschließenden Feldurteil.

